© Ksenia Krillovykh - shutterstock
Neurodermitis im Wandel: Welche Therapien wirklich helfen
- Die Krankheit verstehen: Was bei Neurodermitis im Körper passiert
- Konventionelle Behandlungsmethoden im Ăberblick
- Biologika: Die neue Generation der Neurodermitis-Behandlung
- Immunsuppression oder Immunmodulation â wo liegt der Unterschied?
- Dupilumab: Der Pionier unter den Biologika
- Lebrikizumab: Seit 2025 neu zugelassen
- JAK-Inhibitoren: Tabletten statt Spritzen
- Wann kommt welches Medikament zum Einsatz?
- Neurodermitis bei Babys und Kindern
- Die Expertin Dr. Doris Weiss
- Hautinfo.at Fazit
StĂ€ndiger Juckreiz, schlaflose NĂ€chte, schuppige Haut â wer an Atopischer Dermatitis leidet, kennt die tĂ€gliche Belastung nur allzu gut. Lange Zeit galten Basispflege, Kortison und immunsuppressive Medikamente als einzige Optionen. Doch das hat sich grundlegend geĂ€ndert: Neue Wirkstoffe wie Biologika und JAK-Inhibitoren eröffnen heute selbst bei schweren VerlĂ€ufen vielversprechende TherapieansĂ€tze â das bestĂ€tigt auch die Dermatologin Dr. Doris Weiss im Hautinfo.at-Interview.
Die Krankheit verstehen: Was bei Neurodermitis im Körper passiert
Neurodermitis â medizinisch auch Atopische Dermatitis genannt â ist eine chronisch-entzĂŒndliche Hauterkrankung, die in SchĂŒben verlĂ€uft. Typische Stellen (bei Erwachsenen) sind Armbeugen, Kniekehlen, Gesicht und Ohren, sie kann aber auch an anderen Körperpartien auftreten. Eines der belastendsten Symptome ist der oft quĂ€lende Juckreiz.
Die Veranlagung zur Neurodermitis ist genetisch bedingt und wirkt sich direkt auf die Beschaffenheit der Haut aus: Die Hautbarriere ist gestört, wodurch sie schneller Feuchtigkeit verliert und empfindlicher auf Reizstoffe reagiert. Die Folge sind Trockenheit, Rötungen und entzĂŒndliche Reaktionen. âBei der Neurodermitis ist die Haut zu trocken und rissig â sie kann ihre Schutzfunktion nicht mehr ausreichend erfĂŒllen. Das fĂŒhrt zu Juckreiz und Kratzen, wodurch die EntzĂŒndung weiter angefeuert wirdâ, erklĂ€rt Dr. Doris Weiss. âDiese Spirale muss durchbrochen werden â und das gelingt mit konsequent umgesetzten MaĂnahmen.â
© SeventyFour - Shutterstock
Die Basistherapie ist ein Muss bei allen Schweregraden
âDie wichtigste MaĂnahme ist eine Basistherapie, die konsequent zumindest zweimal am Tag angewendet werden mussâ, betont Dr. Doris Weiss. âDer gesamte Körper sollte regelmĂ€Ăig mit feuchtigkeitsspendenden und/oder rĂŒckfettenden Lotionen oder Salben behandelt werden.â Dabei gilt: Nicht jedes Produkt passt zu jedem Hauttyp. âNeurodermitis ist sehr individuell â und genauso individuell muss die Behandlung seinâ, so die Dermatologin. âEinerseits gibt es sehr gute PrĂ€parate fertig in Apotheken zu kaufen, andererseits können auch vom Hautarzt unterschiedliche Rezepturen verschrieben werden, sodass fĂŒr jeden Patienten die passende Basistherapie gefunden werden kann.â
© picsfive - Fotolia
Konventionelle Behandlungsmethoden im Ăberblick
Die Behandlung von Neurodermitis bestand bis vor ein paar Jahren bei leichter bis mittelschwerer Neurodermitis vor allem aus Ă€uĂerlich angewendeten BehandlungsmaĂnahmen. In akuten Schubphasen werden entzĂŒndungshemmende Kortikosteroide eingesetzt, um die Symptome zu lindern. An empfindlichen Hautstellen wie im Gesicht, in Hautfalten oder im Anogenitalbereich kommen sogenannte Calcineurininhibitoren wie Tacrolimus oder Pimecrolimus zum Einsatz. ErgĂ€nzend werden juckreizstillende (antipruriginöse) und antiseptische Mittel verwendet. Auch eine UV-Therapie kann in bestimmten FĂ€llen erwogen werden.
Bei schweren Verlaufsformen griff man frĂŒher auf die damals verfĂŒgbaren systemischen Therapien zurĂŒck. Dazu zĂ€hlten unter anderem systemische Kortikosteroide, Ciclosporin A und Methotrexat. Diese galten lange Zeit als letzte Behandlungsoption, hatten jedoch den Nachteil, dass sie das Immunsystem breit und unspezifisch unterdrĂŒcken. Heute spielen diese Wirkstoffe nur noch eine untergeordnete Rolle.
Biologika: Die neue Generation der Neurodermitis-Behandlung
2017 wurde der erste monoklonale Antikörper zur Behandlung der Atopischen Dermatitis zugelassen. Seither hat sich viel getan: Mehrere Biologika sowie JAK-Inhibitoren stehen heute als systemische Therapieoptionen zur VerfĂŒgung und bringen gezielte Hilfe, auch bei mittelschwerer bis schwerer Neurodermitis. Der groĂe Vorteil: Anders als herkömmliche Therapien beeinflussen diese modernen Wirkstoffe nicht das gesamte Immunsystem, sondern wirken gezielter â und damit oft vertrĂ€glicher.
Hautwissen
Immunsuppression oder Immunmodulation â wo liegt der Unterschied?
Immunsuppressiva unterdrĂŒcken das Immunsystem breitflĂ€chig â also auch in Bereichen, die fĂŒr den Schutz vor Infektionen und anderen Erkrankungen wichtig sind. Dadurch steigt das Risiko fĂŒr Infekte und mögliche Folgeerkrankungen. Moderne Therapien verfolgen hingegen einen gezielteren Ansatz: Sie modulieren das Immunsystem spezifisch. Monoklonale Antikörper setzen genau an den entzĂŒndungsfördernden Botenstoffen (oder deren Rezeptoren) an, die bei der EntzĂŒndungsreaktion eine zentrale Rolle spielen. Durch die Blockade dieser Signalwege wird nur jener Teil des Immunsystems beeinflusst, der die Symptome auslöst â das ĂŒbrige Immunsystem bleibt aktiv und intakt. Diese gezielte Immunmodulation gilt als bedeutender Fortschritt gegenĂŒber Ă€lteren systemischen Therapien.
Dupilumab: Der Pionier unter den Biologika
Der Wirkstoff Dupilumab setzt am IL-4α-Rezeptor an und blockiert ihn. Dadurch kann der entzĂŒndungsfördernde Botenstoff IL-4 nicht mehr an diesen Rezeptor binden. Gleichzeitig wird auch die Signalweiterleitung von IL-13 gehemmt, weil dieser Botenstoff ĂŒber einen Ă€hnlichen Rezeptor wirkt. Auf diese Weise werden wichtige EntzĂŒndungswege im Körper gezielt unterbrochen.
Dupilumab wird alle zwei Wochen unter die Haut gespritzt und zeigt in der Praxis sehr gute Erfolge. âDupilumab hat die Behandlung der Neurodermitis grundlegend verĂ€ndertâ, sagt Dr. WeiĂ. âAuch die Erweiterung der Zulassung auf Kleinkinder ab einem Alter von sechs Monaten war ein Meilenstein.â
Die hĂ€ufigsten Nebenwirkungen sind neben Schmerzen bei der Injektion, BindehautentzĂŒndungen oder trockene Augen, beides meist gut behandelbar. âDas betrifft vor allem Personen, die ohnehin bereits Probleme mit den Augen habenâ, berichtet Dr. WeiĂ aus ihrer Erfahrung. âIn der Regel handelt es sich um unkomplizierte Nebenwirkungen und man hat die Neurodermitis im Griff: Man macht sie wieder lokal behandelbar.â
Lebrikizumab: Seit 2025 neu zugelassen
Lebrikizumab ist ein Interleukin-13-Hemmer der im November 2023 von der EMA zugelassen wurde und seit Anfang 2025 in Ăsterreich fĂŒr Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren mit einem Mindestgewicht von 40 kg erstattungsfĂ€hig ist. Im Gegensatz zu Dupilumab wird er in der Erhaltungsphase nur einmal monatlich verabreicht â ein groĂer Vorteil fĂŒr viele Patienten.
Ein zentraler Faktor in der Entstehung der Atopischen Dermatitis ist Interleukin 13 (IL-13), dieses Zytokin findet man in der Haut von Betroffenen in erhöhter Konzentration. Es fördert chronisch entzĂŒndliche Prozesse, die zur gestörten Hautbarriere, starkem Juckreiz, Hautverdickung und wiederkehrenden Infektionen fĂŒhren kann.
âLebrikizumab blockiert ausschlieĂlich IL-13 und lĂ€sst im Vergleich zu Dupilumab den IL-4-Pathway intaktâ, erklĂ€rt Dr. Weiss. âLaut aktueller Datenlage werden dadurch möglicherweise manche Nebenwirkungen reduziert, die mit der IL4 Blockade assoziiert sind, aber dies wird sich noch zeigenâ.
Die Nebenwirkungen sind in der Regel ĂŒberschaubar: Am hĂ€ufigsten treten, wie auch bei anderen Biologika, neben milden Reaktionen an der Einstichstelle in seltenen FĂ€llen EntzĂŒndungen am Auge auf.
JAK-Inhibitoren: Tabletten statt Spritzen
Januskinase-Hemmer (kurz: JAK-Inhibitoren) zĂ€hlen ebenfalls zu den modernen Therapieoptionen bei Neurodermitis. Sie blockieren die sogenannten Januskinasen, also Enzyme, die an der SignalĂŒbertragung entzĂŒndungsfördender Botenstoffe beteiligt sind. Dadurch können sie die EntzĂŒndungsreaktion schnell und wirksam eindĂ€mmen. In vielen FĂ€llen zeigt sich bereits nach wenigen Tagen eine spĂŒrbare Besserung. Ein weiterer Pluspunkt: Die Wirkstoffe werden oral in Tablettenform eingenommen â eine Injektion ist nicht nötig.
JAK-Inhibitoren sind fĂŒr Erwachsene zugelassen, einzelne PrĂ€parate auch fĂŒr Kinder ab zwei Jahren. Sie sind eher fĂŒr eine Intervalltherapie geeignet, da sie insbesondere bei speziellen Risikogruppen potentiell ernsthafte Nebenwirkungen mit sich bringen können. Der Eingriff ins Immunsystem ist breiter als bei selektiven Antikörpern. Aus diesem Grund gelten strenge Ausschlusskriterien, vor Behandlungsbeginn ist eine sorgfĂ€ltige Ă€rztliche AbklĂ€rung unbedingt erforderlich und wĂ€hrend der Therapie sind Laborkontrollen notwendig. Wichtig: JAK-Inhibitoren sind nicht fĂŒr alle geeignet, so dĂŒrfen Menschen ĂŒber 65 Jahre, Raucher sowie Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einem erhöhten Krebsrisiko diese Therapie nicht erhalten.
Wann kommt welches Medikament zum Einsatz?
Welche Therapie angewendet wird, hÀngt vom Schweregrad der Erkrankung ab:
- Leichte VerlĂ€ufe: Zweimal tĂ€glich feuchtigkeitsspendende und rĂŒckfettende Basispflege. Bei akuten SchĂŒben kommen topische Kortikosteroide oder Calcineurininhibitoren zum Einsatz, jeweils nach Ă€rztlicher Anweisung.
- Mittelschwere bis schwere VerlĂ€ufe: Unter engmaschiger Ă€rztlicher Kontrolle werden systemische Therapien eingesetzt, dazu zĂ€hlen Biologika (z.âŻB. IL-4 oder IL-13-Hemmer) oder JAK-Inhibitoren.
âGerade bei schwerer Neurodermitis, etwa bei Therapieversagen oder nachlassender Wirksamkeit nach vielen Jahren, ist es entscheidend, dass ein breites Spektrum an Therapieoptionen zur VerfĂŒgung stehtâ, ist Frau Dr. WeiĂ ĂŒberzeugt. âNur so lĂ€sst sich eine erfolgreiche Behandlung sicherstellen.â Und sie ergĂ€nzt: âDie beste systemische Therapie kann die Basispflege nicht ersetzen. Diese sollte regelmĂ€Ăig zweimal tĂ€glich durchgefĂŒhrt werden, ohne sie funktioniert keine Therapie.â
Neurodermitis bei Babys und Kindern
Kleine Kinder leiden besonders stark unter dem quĂ€lenden Juckreiz bei Neurodermitis. Oft ist die ganze Familie betroffen, da die Nachtruhe empfindlich gestört wird. Umso wichtiger ist eine passende Therapie bereits im Kleinkindalter. Ab einer mittel- bis schweren Neurodermitis ist Dupilumab bereits ab dem 6. Lebensmonat zugelassen. Lebrikizumab kann ab einem Alter von 12 Jahren und einem Körpergewicht von mindestens 40 kg eingesetzt werden. Einige JAK-Inhibitoren können bei Kindern ab zwei Jahren eingesetzt werden â abhĂ€ngig von Wirkstoff und individueller RisikoeinschĂ€tzung durch den Hautarzt.
© belchonock - 123RF
Warum du regelmĂ€Ăig zum Hautarzt gehen solltest
Neurodermitis erfordert eine kontinuierliche Ă€rztliche Behandlung. RegelmĂ€Ăige Kontrolltermine sind wichtig, um deine Therapie bei Bedarf anzupassen, ihre Wirksamkeit zu ĂŒberprĂŒfen und Nebenwirkungen frĂŒhzeitig zu erkennen. So kann rechtzeitig reagiert werden, wenn deine Behandlung nicht mehr optimal wirkt. Dein Hautarzt weiĂ, wann ein Wechsel sinnvoll ist oder welche Alternativen infrage kommen. Zögere nicht, ihn zu kontaktieren, wenn du das GefĂŒhl hast, dass deine aktuelle Therapie nicht ausreicht.
Hautarzt Finder
Finde rasch und bequem den richtigen Spezialisten
Die Expertin Dr. Doris Weiss
âWir haben heute deutlich bessere Möglichkeiten, auch schwere Neurodermitis wirksam zu behandeln. Niemand muss mehr unter der Erkrankung leidenâ, betont Dr. Doris WeiĂ, Dermatologin in Mödling. Entscheidend sei, die individuell passende Therapie zu finden und diese regelmĂ€Ăig gemeinsam mit dem Hautarzt zu ĂŒberprĂŒfen und anzupassen.
Dr. Doris Weiss
Hautzentrum Mödling
hautzentrum-moedling.at
Hautinfo.at Fazit
Du leidest noch immer unter Neurodermitis und hast noch nicht die passende Behandlung gefunden? Viele Betroffene fĂŒhlen sich durch gesellschaftlichen Schönheitsdruck ausgegrenzt â sozialer RĂŒckzug ist oft die Folge. Doch das muss nicht sein. Die moderne Medizin bietet heute effektive Therapien, die deine Symptome lindern und deine LebensqualitĂ€t verbessern können. Warte nicht lĂ€nger, vereinbare einen Termin und finde die Therapie, die wirklich zu dir passt.
Unser Lesetipp
Im Hautinfo.at Check: KAMI skincare hilft bei Neurodermitis
Was tun, wenn das eigene Kind unter Neurodermitis leidet und klassische Therapien keine nachhaltige Erleichterung bringen? Diese Frage stellte sich Dr. Kerstin Schallaböck â Allgemeinmedizinerin aus Wien und Mutter eines betroffenen Sohnes. Ihre persönliche Erfahrung fĂŒhrte zur Entwicklung von KAMI skincare, einer Pflegeserie, die speziell auf die BedĂŒrfnisse entzĂŒndlicher Haut abgestimmt ist. Statt Kortison zu verwenden, setzt KAMI skincare auf eine einzigartige Kombination aus hochwirksamen Pflanzenölen, die die Hautbarriere stĂ€rken, und entzĂŒndungshemmendem Murmelöl.
Infos zum Beitrag
Autor:
Mag. (FH) Margit Wickhoff
Experte:
Dr. Doris Weiss
Quellenangabe:
Interview Dr. Doris WeiĂ
,
derma.plus
,
AWMF-Leitlinie: Atopische Dermatitis (Neurodermitis)
,
Fachinformationen zu Dupilumab, Lebrikizumab und JAK-Inhibitoren
Stand der medizinischen Informationen: 26. MĂ€rz 2025
Letzte Aktualisierung: 08. September 2025