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Juckreiz - Feuer auf der Haut

Nachts ist es oft der Juckreiz, der mich stundenlang wachhält. Dann liege ich im Dunkeln und versuche, mich zu beherrschen. Ich weiß, dass ich sonst nicht mehr aufhören kann, diese Stelle zu kratzen. Ich weiß, dass ich kratzen werde, bis der Schmerz den Juckreiz überlagert und ich mich einfach nicht mehr traue, weiter zu kratzen. Das ist aber auch der Punkt, ab dem es blutet.

Der Punkt, ab dem meine Kollegen sehen, dass ich gekratzt habe. Der Punkt, ab dem - selbst wenn die juckende Phase überwunden sein wird - Narben zurückbleiben. Es muss doch wohl zu schaffen sein, sich nicht zu kratzen, denke ich. Andere Menschen haben doch auch mal einen Mückenstich und kratzen sich deshalb nicht blutig! Weil ich ja auch weiß, dass das die Entzündung noch anstachelt, möchte ich es wirklich schaffen. Aber, oh, wie es juckt!

Nach einem anstrengenden Tag die Nacht damit zuzubringen, an etwas Anderes zu denken kann sehr zermürbend sein. Und das Fatale ist: Man schafft es nur für kurze Zeit, denn so sind wir nun einmal eingerichtet, dass wir einen so starken Reiz schlecht ignorieren können. In unserer Entwicklungsgeschichte war das wohl einfach zu oft und zu lange sinnvoll. Denn wenn Deine Haut gesund ist, juckt es wahrscheinlich deshalb, weil Dir gerade ein winziges Insekt über den Arm krabbelt. All die Jahrtausende der Menschheitsentwicklung hindurch war es also gut und richtig, diese Tierchen als sehr lästig wahrzunehmen und sofort zu entfernen. Dafür hat man sich mit einer raschen Bewegung über die Stelle gestrichen und nachher noch ein bisschen darüber gerieben. Das hat sich gut angefühlt. Darum hat man es immer wieder gemacht, statt dem Krabbeltierchen gelassen zuzusehen. Diejenigen unserer Vorfahren, die das besonders schnell und gründlich gemacht haben, wurden weniger gestochen und seltener gebissen. Sie hatten weniger Parasiten, als die, die das Jucken nicht so gestört hat. Weil sie dadurch auch weniger Krankheiten hatten, konnten Herr und Frau Urzeitmensch ihre Gene besser weitergeben.

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Ich liege also im Dunkeln und es juckt wie verrückt, genau an dieser einen Stelle. Ich weiß, wenn ich sie jetzt kratze, wird sich das einen Moment lang wunderbar anfühlen. Das Jucken wird aufhören und das Belohnungszentrum meines Gehirns wird Purzelbäume schlagen.

Forschungsergebnisse der Temple University in Philadelphia zeigten 2015, dass zwei Hauptschaltkreise des Gehirns hochgradig aktiv sind, wenn ich dem unbändigen Drang nachgebe. Eines davon ist das Belohnungssystem, das auch für Wohlverhalten und Suchtgeschehen zuständig ist. Das zweite betroffene Schaltsystem im Gehirn steuert unsere Bewegungsabläufe. Es ist also so, dass eine Art von Suchtkreislauf entsteht: Du lernst ganz früh in Deiner Kindheit, dass ein angenehmes Gefühl entsteht, wenn du eine juckende Stelle kratzt. Dein Gehirn speichert dieses Wohlgefühl und auch Bewegung ab, die du dafür machen musst. In diesem Moment hast du schon alles gelernt, was du für diesen fatalen Kreislauf brauchst. Das, was im Gehirn von juckreizgeplagten Patienten passiert, ist aber, dass sowohl das Zentrum für Bewegung besonders intensiv arbeitet, als auch das Belohnungszentrum intensiver „feuert“ als das Belohnungssystem gesunder Menschen. Die Belohnung für das Kratzen fällt also viel höher aus, als bei Menschen ohne chronischen Juckreiz. Herr Mochizuki und seine Kollegen haben das herausgefunden, als sie die Hirnaktivität sich kratzender Menschen mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) untersucht haben. Dazu baten sie zwei Gruppen von Menschen, sich in das Gerät zu legen während es sie juckte und sich nicht zu beherrschen. Die einen waren gesund, die anderen litten unter chronischem Juckreiz. Allen hatten die Forscher zuvor eine juckende Lösung auf den Unterschenkel gestrichen.

So weit, so gut, ich versuche also, meinen Kreislauf zu durchbrechen und nicht an das Jucken zu denken. Aber das ist etwa so einfach wie: Denk‘ jetzt mal nicht an ein Krokodil! Und? Hast Du es geschafft? Oder ist da ganz kurz in einer Ecke Deines Bewusstseins ein großes, grünliches Reptil aufgetaucht, das Du nur mit Mühe wieder verscheuchen konntest? So etwas wird mitten in der Nacht und todmüde nicht leichter.

 

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Das ist nämlich auch noch so ein Problem: Inzwischen ist es halb zwei Uhr morgens. Wenn ich in ein paar Stunden ziemlich übermüdet und zerkratzt in der Arbeit auftauche, dann muss ich diese Blicke aushalten. Ich muss es aushalten, dass mein Chef meine Handgelenke anguckt und die Augenbrauen hochzieht. Klar könnte ich die Stellen verbinden. Aber dann sieht es aus, als hätte ich einen missglückten Selbstmordversuch hinter mir. Es ist schon möglich, dass ich ein wenig übertrieben reagiere und glaube, alle schauten nur da hin. Möglich, dass sie es eh gar nicht sehen. Oder sich nichts dabei denken. Oder die raue, blutunterlaufene Stelle nicht „irgendwie ekelig“ finden. Aber irgendwann hat jede*r von uns es erlebt, getadelt zu werden, „weil es wohl an der nötigen Selbstbeherrschung mangelt“ (O-Ton meiner Tante Gerda). Oder hat – wie ich - mitbekommen, dass Schulkolleginnen über diese Stelle in seiner Armbeuge geredet haben. Hat gehört, dass sie sie „ein bisschen ekelig“ fanden. Klar haben sie sofort aufgehört, als ich in die Nähe kam. Aber meine Ohren funktionieren ganz gut. Seitdem beobachte ich die Reaktionen der Leute vielleicht ein bisschen zu genau. Aber ich kann halt nicht immer zu Hause bleiben, wenn meine offene Haut für alle sichtbar ist.

Vielleicht könnte ich es ja auch anders versuchen, geht es mir durch den Kopf. Vielleicht hilft ein wenig mehr freundliche Nachsicht mit mir selbst. Ein wenig mehr Bewunderung für meine Urzeitgene, die mich - ganz ohne jedes anwesende Ungeziefer - total insektenfrei halten.

Nein, im Ernst: Vielleicht wäre es sogar eine Idee, meiner Kollegin das mit der Hautkrankheit mal zu erklären. Vielleicht kennt sie ja sogar selbst jemanden, der das Gleiche hat. Etwas mehr Wissen über die Zusammenhänge kann den Leuten ja nicht schaden. Mir jedenfalls hilft es. Und wenn sie komisch reagiert, kann ich mich ja immer noch wehren. Und vielleicht täusche ich mich ja auch und sie ist ganz nett und ich gebe ihr die Chance, das zu zeigen. Oder mir ein paar Fragen zu stellen, die sie eventuell dazu hat. Guter Plan.

Im Moment juckt es sogar ein bisschen weniger. Es ist jetzt halb drei. Und möglicherweise gibt es ja auch irgendein Medikament, das dieses Jucken-und-sich-Kratzen-Müssen durchbricht. Vielleicht muss ich das gar nicht allein mit meiner Willenskraft schaffen. Ein gebrochenes Bein heilt ja auch nicht durch pure Willenskraft. Aber niemand verachtet dich, weil du dir einen Gips anlegen lässt. Gleich morgen finde ich das heraus. Irgendwann schlafe ich ein.

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