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Neurodermitis: Antiseptische Behandlung mit Octenidin?

Nässende Ekzeme sind bei Neurodermitis meist mit Staphylococcus aureus-Bakterien infiziert. Um die bakteriell verursachten Entzündungen zu behandeln und Antibiotika zu vermeiden, werden auch Antiseptika verordnet. Doch auch diese Mittel bergen ganz ähnliche Risiken wie Antibiotika.

Vor einiger Zeit berichtete die Deutsche Apotheker Zeitung (DAZ.online) von einem Vortrag, in dem Prof. Dr. med. Claudia Pöhler eine antiseptische Behandlung nässender Ekzeme bei Neurodermitis mit Octenidin empfahl. Statt der üblichen, lokal begrenzten Anwendung bei Wundinfektionen könne ein Octenidin-haltiger Spray verwendet werden, um die Patienten einmal täglich von Kopf bis Fuß zu behandeln und damit die Bakterien abzutöten, die die sogenannten Sekundärinfektionen in den nässenden und krustigen Ekzemen verursachen. Diese Behandlung müsse jedoch akuten bakteriellen Infektionen vorbehalten sein, auch wenn die Dermatologin generell eine stärkere Einbindung von Antiseptika in die Neurodermitis-Behandlung befürwortet.

Gute und schlechte Bakterien

In der Neurodermitis-Therapie werden häufig antiseptische Mittel eingesetzt, um akute Entzündungen auf der Haut zu lindern. Einige Ärzte empfehlen zu diesem Zweck beispielsweise zweimal wöchentlich lauwarme Chlorbäder, um die Bakterienlast auf der Haut zu senken und so die Entzündungen einzudämmen.

Auch andere Antiseptika werden eingesetzt, um die „Honigkruste“ als Zeichen der bakteriellen Sekundärinfektion zu bekämpfen und weiteren Infektionen vorzubeugen. Dies verschafft vielen großen und kleinen Patienten Linderung. Aber auch Antiseptika sollten nicht leichtfertig angewendet werden. Sie schaden sowohl den schlechten Bakterien, die die Infektionen auslösen, als auch den guten, die als Teil der Hautflora - des „Mikrobioms“ der Haut - eine wichtige Schutzfunktion haben. Die guten wehren schädliche Bakterien ab und geben ihnen möglichst keinen Lebensraum auf der Haut frei.

Neurodermitis und bakterielle Infektionen

Bei Neurodermitis unterscheidet sich das Mikrobiom deutlich von gesunder Haut. Die Vielfalt und die Gesamtzahl vor allem der guten, nützlichen Bakterienarten ist geringer, während sich einige als schädlich bekannte Bakterienarten und Hefepilze stärker durchsetzen können. Charakteristisch für Neurodermitis und von großer Bedeutung für bakterielle Sekundärinfektionen ist das Bakterium Staphylococcus aureus (kurz, S. aureus). Etwa 90 Prozent der Neurodermitis-Patienten tragen diese Staphylokokken-Art auf der Haut. Es besiedelt nicht nur die Ekzeme, ist dort allerdings der vorherrschende Keim während eines Schubs. Weil er verschiedene Substanzen freisetzt, die die Haut zusätzlich reizen und den Juckreiz verstärken, entstehen akute Entzündungen. Der Hautzustand verschlechtert sich weiter und die Ekzeme beginnen als Zeichen der starken Infektion zu nässen.

Die S. aureus-Bakterien kommen bei Neurodermitikern nicht nur häufiger vor, sie richten auf der vorgeschädigten Haut auch mehr Schaden an. Weil die Hautbarriere aufgrund erblicher Veränderungen bereits geschwächt und schlechter gegen die Außenwelt abgeschirmt ist, hat sie Umweltreizen wie Allergenen, Toxinen und Bakterien weniger Widerstand entgegenzusetzen. Außerdem führt das unvermeidliche Kratzen als Antwort auf den Juckreiz zu kleinen Hautverletzungen, die die Barrierefunktion zusätzlich stören, sodass S. aureus-Bakterien häufigere und stärkere Entzündungen auslöst als auf gesunder Haut.

Antiseptische Mittel gegen akute Infektionen

Antiseptika gelten bei Hautinfektionen als gute Alternative zu Antibiotika. Letztere sollten wegen ihres Resistenzrisikos möglichst nicht oder sehr selten bei Neurodermitis eingesetzt werden. Seit langem werden verschiedene Antiseptika verwendet, um die Bakterienlast auf atopischer Haut zu senken, darunter Farbstoffe (Eosin, Gentianaviolett), Benzalkoniumchlorid, Triclosan, Chlorhexidin oder Natriumhypochlorit (bekannt als Bleiche- oder Chlorbad), und nun auch Octenidin.

Octenidin – eine Alternative zu Antibiotika

Octenidin ist ein unspezifischer antimikrobieller Wirkstoff, der viele verschiedene Arten von Bakterien, Pilzen und auch einige Viren abtötet. Er wirkt über den Zeitpunkt der Anwendung hinaus, sodass die behandelte Hautpartie über einen gewissen Zeitraum vor erneuter Besiedlung durch die Mikroorganismen und deren Ausbreitung geschützt ist. Den Empfehlungen des Herstellers zufolge sollte Octenidin – z. B. als Spray zur Wunddesinfektion - lokal und zeitlich begrenzt verwendet werden und ist für Säuglinge und Kinder geeignet.

Antiseptika, Antibiotika und Resistenzen

Im Vergleich zu Antibiotika galten Antiseptika – vor allem wegen der geringen Konzentrationen, in denen sie angewendet werden – als sicherer im Hinblick auf Resistenzbildungen. Dies Annahme ist inzwischen vielfach widerlegt worden. Wie Antibiotika führen auch antiseptische Substanzen bereits in sehr geringen Konzentrationen zu Resistenzen.

Resistente Bakterien können beispielsweise das Antiseptikum mit einem allgemeinen Transportmechanismus wieder aus ihrem Inneren befördern, bevor Schäden entstehen. Oder die Oberfläche des Bakteriums ist verändert und die Substanzen können erst gar nicht eindringen. Und weil einige der Antibiotika mit den gleichen Mechanismen abgewehrt werden, können Antiseptika dazu führen, dass sowohl weitere antibiotikaresistente Bakterien auftreten als auch sich die Resistenzen weiter ausbreiten.

Diese Zusammenhänge sind inzwischen für viele der eingesetzten Antiseptika belegt, doch bleibt Octenidin für die Behandlung von Staphylokokken-Infektionen das bessere Mittel: bei Bakterien wie S. aureus treten keine bekannten Resistenzen auf, sodass auch bei regelmäßiger Anwendung die Wirksamkeit für den Patienten gewährleistet sein sollte. Trotzdem fördert der Wirkstoff die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen unter vielen anderen Bakterienarten, zu denen viele Krankenhauskeime zählen.

Es ist wichtig zu wissen, dass antimikrobiotisch wirkende Substanzen wie Antibiotika und Antiseptika nie nur die schädlichen Bakterien treffen, sondern immer auch den nützlichen Bakterien und Mikroorganismen auf der Haut schaden. Im Akutfall sollten und müssen diese Mittel zum Einsatz kommen, um die bakteriellen Entzündungen zu bekämpfen und dem Patienten zu helfen. Es liegt dabei in der Verantwortung des Arztes, die jeweilige Therapie in Kenntnis und Abwägung der Risiken einzusetzen. Aber auch die Patienten sollten über Wirkungen und Nebenwirkungen informiert sein.

Lassen sich Staphylococcus-Infektionen bei Neurodermitis verhindern?

Die konsequente Basispflege bei Neurodermitis ist ein zentraler Punkt der vorbeugenden Therapie. Sie stellt während der schubffreien Zeit sicher, dass die Hautbarriere so gut wie möglich gestärkt wird, um sich besser gegen äußere Umwelteinflüsse zu behaupten.

Einige neuere Ansätze fokussieren sich auf das geschwächte und aus dem Gleichgewicht geratene Hautmikrobiom. Man hofft Infektionen vorbeugen oder zumindest besser kontrollieren zu können, wenn es gelingt, die bakterielle Gemeinschaft auf der Haut zu stabilisieren und zu stärken. Dazu gibt es erste Produkte mit speziellen Bakteriennährstoffen in Cremes, die das mikrobielle Hautgleichgewicht wiederherstellen sollen. Auch das Aufbringen ausgewählter Bakterienlösungen wäre denkbar. Doch die Mikrobiom-Experten betonen, dass sie die individuell variierenden Bakteriengemeinschaften auf der Haut erst in Ansätzen kennen. Daher sei es für die Entwicklung von Produkten zur effektiven Wiederherstellung eines gesunden und vielfältigen Mikrobioms noch zu früh.

Mikrobiologisch naheliegender und therapeutisch einfacher wäre es, zunächst nur die problematischen Staphylococcus-Bakterien auf der Haut auszuschalten, ohne gleichzeitig das Hautmikrobiom zu schädigen. So zielgenau wirken nur Bakteriophagen (kurz: Phagen; Viren, die meist nur eine Bakterienart oder nur einen Bakterienstamm befallen und abtöten, für Menschen aber unbedenklich sind). Diese sind bisher, als sogenannte Phagentherapie, für die Anwendung am Menschen in der europäischen Union noch nicht von den zuständigen Arzneimittelbehörden zugelassen.

Daneben gibt es schon jetzt Alternativen, die ebenso gezielt wirken: Endolysine. Dies sind besondere Phagenenzyme, die ebenso wirtspezifisch sind wie die Phagen, aus denen sie stammen. Ein Endolysin gegen S. aureus-Bakterien erkennt und zerstört nur diese, indem es einzigartige Verbindungen in deren Zellhülle auflöst. Bei dieser Form der Therapie spielen nach übereinstimmender Meinung der Mikrobiologen Resistenzen keine Rolle und Nebenwirkungen seien kaum zu erwarten. Diese Therapie ist jedoch noch nicht sehr bekannt und auch nicht in der Dermatologie etabliert, da es sich um ein Medizinprodukt handelt und bisher keine belastbaren klinischen Studien dazu veröffentlicht sind.

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